Wo das Glück wohnt (meist bei Ikea)
Von Klee, Schwein und anderen Glücksversprechen
Was oder wer bringt uns 2026 eigentlich Glück und Hoffnung? Wer Angst hat, bei der staatlichen Glücksverteilung wieder leer auszugehen, kann sich wie immer auf jene kleinen „Helfer“ verlassen, die seit Jahrhunderten verschenkt werden, meist von Menschen, die selbst keine Ahnung haben, aber irgendwas in Geschenkpapier wickeln müssen. Tradition ist schließlich das, was übrig bleibt, wenn einem die Ideen ausgehen.
Die Kelten glaubten, der Glücksklee würde bösen Zauber abwehren. Heute wehrt er höchstens die Erkenntnis ab, dass das Töpfchen aus dem Supermarkt nach drei Tagen aussieht wie ein Salat, der nicht nur innerlich gekündigt hat, sondern schon auf Indeed nach neuen Perspektiven sucht. Und Glück bringt er nur, wenn man ihn zufällig findet. Also: Viel Spaß beim Krabbeln über fremde Vorgärten. Wer „Rücken“ hat, findet statt Glück nur die Telefonnummer vom Orthopäden, und die ist selten ein Segen.
Seit 2000 Jahren ist das Glücksschwein Symbol für Wohlstand. Komisch, dass es trotzdem fast immer als rosa Plastikschwein verschenkt wird, und nie als echtes Sparschwein mit Inhalt. Wer „Schwein hat“, darf sich glücklich schätzen. Wer keins hat, bekommt immerhin Schokolade. Das ist dann Trostfuttern mit Tradition, quasi emotionale Erster Hilfe in Rosa.
Der Marienkäfer ist der letzte verbliebene krabbelnde Glücksbote. Alle anderen Insekten wurden von uns Menschen erfolgreich erschlagen, vergiftet oder als „eklig“ eingestuft. In Schokolade verpackt ist er besonders beliebt. Vermutlich, weil er dann nicht mehr krabbelt und niemanden verstört. Glück ist eben leichter zu ertragen, wenn es nicht lebt, nicht fliegt und keine eigenen Entscheidungen trifft.
Wenn das Glück Formulare braucht
Früher brachte der Schornsteinfeger Glück, weil er Häuser vor Feuer schützte. Heute hat man Glück, wenn er überhaupt noch kommt und man ihn bezahlen kann, ohne einen Kleinkredit aufzunehmen. Ein bisschen Ruß im Gesicht galt einst als Segen. Heute gilt es als „Arbeitsunfall“ und muss dokumentiert, gemeldet und mit drei Formularen bestätigt werden. Der Fortschritt hat uns viel gebracht. Formulare, Rauchmelderpflicht, Datenschutz. Nur Glück hat sich bisher hartnäckig geweigert, mitzuziehen.
Ein Hufeisen soll Glück bringen, wenn man es richtig herum aufhängt. Falsch herum fällt das Glück raus. Richtig herum fällt der Staub rein. So oder so: Man hat Arbeit. Vielleicht ist das der eigentliche Sinn, eine Art spirituelle Hausarbeit, damit man wenigstens irgendwo das Gefühl hat, das Leben im Griff zu haben.
Früher ein Geschenk vom Taufpaten. Heute findet man höchstens einen Cent auf dem Supermarktparkplatz, direkt neben einem Einkaufswagenchip und einem Kaugummi, der schon bessere Tage gesehen hat. Und wieder die Sache mit dem Bücken. Glück ist eben nichts für Menschen mit Bandscheibenvorfall. Das Universum liebt offenbar sportliche Menschen mit schnellen Reflexen.
Wo das Glück heute wohnt
Leckeres Neujahrsgebäck soll Gesundheit bringen. Wenn es nicht im Ofen verbrennt. Oder Vati den Teig roh verzehrt oder Mutti vergisst, dass Hefeteig in der warmen Schüssel aufgeht wie ein pubertierender Teenager: lautlos, aber unaufhaltsam. Wer Glück hat, hat am Ende etwas Essbares. Wer Pech hat, hat ein neues Backblech und eine Küche, die aussieht wie ein Tatort für verbrannte Kohlenhydrate.
Die Germanen vertrieben böse Geister mit Lärm. Heute vertreibt man damit höchstens die Nachbarn, die am Silvesterabend lieber schlafen möchten. Aber es ist ein schöner Brauch: Einmal im Jahr Geld anzünden und sich dabei freuen. Man gönnt sich ja sonst nichts, außer vielleicht einen Tinnitus, der einen noch bis Ostern an die eigene Lebensfreude erinnert.
So verschieden diese Bräuche auch sind — sie zeigen vor allem eines: Der Mensch erwartet vom Glück einen dauerhaften Zustand, obwohl es in Wahrheit nur ein seltenes, evolutionär motivierendes Bonbon ist. Und meistens findet man es nicht im Leben, sondern in der Dekoabteilung von Ikea. Aber immerhin: Die verstaubt nicht so schnell ein wie die Hoffnung und sie kostet weniger Nerven als echte Lebensentscheidungen.

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