Grünkohl

Kohl und Pinkel

Es ist wieder so weit: Die Temperaturen fallen, der Atem dampft, und der Hauskalender flüstert unmissverständlich: Kohl- und Pinkelzeit. Ganz Norddeutschland erwacht aus dem Winterschlaf, schnürt die Stiefel und zieht los, gäbe es einen geheimen Vertrag zwischen Wetteramt und Tradition. Man könnte meinen, die Natur selbst ruft: „Los jetzt, ihr Kohlfresser, Bewegung!“

Auch Lenchen, sonst eher Königin ihres Ohrensessels, folgt dem Herdentrieb. Der Magen knurrt, die Füße frieren, und die Aussicht auf Grünkohl lässt sie heldenhaft in die Kälte treten. Punkt zwölf trifft sich die Truppe am Waldrand. Niemand sieht vornehm aus — eher nach einer Mischung aus „sportlich-burschikos“ und „ich hab genommen, was oben lag“.

Teebeutelweitwurf

Die Kälte zwingt zum ersten „Aufwärmer“. Natürlich kein Kakao. Kümmel, der skandinavische Seelentröster, wird herumgereicht. „Prost“, „Prost“, „Prost“ — und schon marschiert die Kolonne los, fest entschlossen wie eine Expedition zum Nordpol.

Nach einer Stunde Schneematsch folgt das erste Spiel: Teebeutelweitwurf. Lenchen fragt sich, wie Ostfriesen Teebeutel werfen sollen, wo sie doch nur losen Tee trinken. Antwort der Gruppe: „Schietegal, wirf einfach.“ Ihr Beutel fliegt zwei Meter. Angeblich. Der Wanderführer misst mit einer Ernsthaftigkeit, ginge es um Olympia. Ein weiterer Schluck Kümmel tröstet — und macht die Welt ein bisschen weicher.

Gummistiefelwerfen

Nächste Station: Gummistiefelweitwurf. Lenchen hat schon einen leichten Schwips, der Stiefel einen schweren. Er fliegt exakt einen halben Meter und landet im Graben. Der beste Freund fischt ihn heraus, kippt Moderwasser aus dem Schaft und verzieht das Gesicht. Er sieht aus, hätte er gerade die Wahrheit über das Leben erkannt — und sie gefällt ihm nicht.

Der Kümmel wirkt. Ein paar Tippelbrüder stimmen ein Lied über die Nordseeküste mit dem plattdeutschen Strand an. Ein Kaninchen flüchtet panisch — verständlich. Selbst die Bäume scheinen kurz zu überlegen, ob sie nicht lieber woanders wurzeln möchten.

Am Ende des Weges wartet der Gasthof: dampfende Kartoffeln, Grünkohlberge, Schlachtplatten, der Duft von „Jetzt wird’s ernst“. Lenchen lädt sich den Teller so voll, gäbe es Bonuspunkte für Mut oder ein Preisgeld für den größten Kohlhügel.

Zwischendurch ein Kümmel. Zum Nachtisch Eis. Noch ein Kümmel. Die Blutfettwerte steigen, aber die Stimmung auch. Man lebt schließlich nur einmal — und wenn, dann bitte mit ordentlich Pinkel.

Grünkohlkönig

Ein Bekannter wird Grünkohlkönig. Seine Frau wird morgen vermutlich aus dem Knochen eine Brühe kochen. Tradition verpflichtet — und sie hat einen strengen Blick.

Ein Musikant holt das Schifferklavier hervor. Ein Herr mit rundem Kohlbauch fordert Lenchen zum Tanz auf. Da sich bei ihr seit dem letzten Kümmel ebenfalls alles dreht, passt das hervorragend. Zwei rotierende Systeme im Gleichklang — Physik kann so romantisch sein.

Die Gesellschaft schunkelt, hakt sich ein und grölt noch einmal irgendwas mit der Nordseeküste und Fischen, die an Land sind. Lenchen bekommt den Text nicht mehr zusammen, aber das Meer rauscht vermutlich irgendwo im Hintergrund ihrer Gedanken. Oder es ist der Kümmel. Schwer zu sagen.

Die Welt schwankt inzwischen wie ein Fischkutter bei Windstärke acht. Die Gruppe beschließt, heimwärts zu steuern. Lenchen hofft, dass sie den Grünkohl nicht noch einmal sieht — zumindest nicht rückwärts. Ein Chauffeur bringt alle nach Hause. Man redet sich ein, dass Essen und Trinken Leib, Seele und Freundschaft zusammenhalten.

Lenchen findet: Stimmt. Und wenn nicht — der Kümmel regelt.

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