Altersklassiker

Vergessen

Ich wollte nur etwas bestellen. Was Nützliches. Schuhe, für die geschundenen Füße. Nichts Weltbewegendes. Ein Klick hier, ein Klick da – und schon war ich stolz auf mich. Bis ich merkte, dass ich im Auktionshaus mit dem großen E, meine neue Anschrift nicht angegeben hatte. Peinlich, aber altersgerecht. Lenchen muss Prioritäten setzen: erst bestellen, dann denken.

Die alte Adresse existiert zwar noch, aber da wohnt jetzt jemand, der garantiert nicht meine Bestellung braucht. Ich dagegen schon. Dringend. Sonst vergesse ich noch, warum ich sie überhaupt bestellt habe.

Jugend von heute

Der Verkäufer war freundlich. Ich nehme an, er ist jung. So jung, dass er gleich nach meiner Falschmeldung zum Postamt fuhr und versuchte die Anschrift noch zu ändern. Man darf nicht auf die Jugend von heute schimpfen. Ich sage nur, wir Alten ernten echt Verständnis oder eher Mitleid?

Ich ziehe den Betrag schon mal gedanklich von der Rente ab und hoffe, dass das Paket nicht irgendwo landet, wo es Archäologen in 500 Jahren ausgraben. Neben meinem Kellerschlüssel von 1984.

So nebenbei schoss mir – wie so oft – eine Idee durchs greise Haupt. Es müsste eine Denkpille gegen das Vergessen geben.

Denkpille

Nicht dieses Vitaminzeug aus der Drogerie, dass nur teuer ist und nichts taugt. Ich meine eine echte Denkpille. Die, die einem mit 68,5 Jahren ein Gedächtnis wie mit 20 verpasst – aber bitte mit Sortierfunktion.

Denn mal ehrlich: Ich brauche nicht jede Erinnerung. Große vergebliche Lieben? Schwiegermütter? Andere Katastrophen, die man erfolgreich verdrängt hatte?

Kann alles weg.

Aber wo ich 1984 den Kellerschlüssel versteckt habe – das dürfte mir die Pille gern wieder einblenden. Und wo meine Brille liegt. Und warum ich gerade in den Keller wollte. Und warum ich im Auktionshaus mit dem großen E meine Anschrift nicht geändert habe. Umgezogen, Nachsendeantrag abgelaufen – das volle Programm.

Zwischendurch der medizinische Empfehlung von Lenchen:viel Wasser trinken. Omega‑3 Kapseln, Sudoku lösen. Soziale Kontakte pflegen. Feste Plätze für Schlüssel einführen und nötigen Schriftkram sofort erledigen.

Vorsorge

Ja, ja. Ich mache das alles. Ich trinke, ich lese, ich bewege mich, ich rede mit Menschen. Trotzdem finde ich meinen Kellerschlüssel nicht. Und meine Anschrift offenbar auch nicht immer.

Wenn es ganz schlimm kommt, gehe ich irgendwann mit Puschen raus. Aber das wäre nicht tragisch. Ich bekomme ja bald neue Schuhe. Wenn ich nicht vergesse, die Tür aufzumachen, wenn die Post klingelt. Wenn ich nicht vergesse, dass ich sie bestellt habe.

Bis dahin warte ich auf die Denkpille. Oder erfinde sie selbst. Bevor irgendein Pharma-Konzern behauptet, er wäre drauf gekommen.

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