Reinheitsversprechen
Superperlweiß
Ende März. Kurz vor der Sommerzeit. Ich sitze vor meiner Waschmaschine und möchte es meinen Nachbarn gleichtun. Die hängen ihre weißen Laken raus, als würden sie am Wettbewerb Reinste Wäsche des Landkreises teilnehmen. Ich will auch glänzen. Superperlweiß. Frühling raus, Sommer rein. Also sitze ich hier seit Stunden und warte darauf, dass mir ein Orakel zuflüstert, welches Waschmittel nun das allerbeste für lupenreine Wäsche ist.
Um mich herum steht ein Halbkreis Waschmittelpackungen, alle schreien: Nimm mich! Weißer geht’s nicht.
Komisch. Seit fünfzig Jahren erzählen sie mir das bei jedem Waschgang. Ich lüfte eine Packung an: Rein bis in die letzte Faser. Die nächste: Jetzt mit noch mehr Reinheit. Dann Ultra Rein Plus. Ich hole vorsorglich meine Sonnenbrille raus, da mich die Werbung mehr blendet als die Wäsche.
Der weiße Riese
Ich erinnere mich an die 60er Jahre. Gott sei Dank wusch zu der Zeit meine Mutter. Weißer geht es nicht, sagte sie. Das strahlendste Weiß unseres Lebens, sagte sie später. Bis der Weiße Riese in ihr Leben trat und Riesenweiß durch Riesenwaschkraft versprach. Alle waren beeindruckt. Kurz. Eine andere Dame tauchte auf, vermutlich die Schwiegermutter des Riesens, und erklärte dem Waschvolk: Vergesst den ollen Riesen. Mein Waschmittel wäscht weiß wie nie, bis in die letzte Faser. Die Schwiegermutter verschwand wieder, aber die Versprechen blieben: jetzt mit noch mehr Reinheit. Für ein Weiß, das strahlt. Neu: Ultra Rein Plus.
Sauberkeit, die man sieht
Neulich las ich, Tomatensoße, Schokolade und Currywurst sollten staatlich verboten werden, weil angeblich die Männer damit kleckern und wir Waschfeen 99 Prozent der Flecken wegschrubben müssen, damit die Oberteile wieder weiß wie frisch gekauft in den Schrank dürfen. Mein Sohn behauptet, er sei wegen leicht ergrauter Unterhemden in Therapie gewesen. Ich lache. Der wollte nur Aufmerksamkeit. Ich empfahl ihm Klementine. Vielleicht bekommt die das noch hin, mit der Sauberkeit, die man sieht.
Genug gegrübelt. Ich schließe die Augen, greife eine Packung, kippe eine stattliche Menge ins Maschinenfach und lasse sie waschen. Weiß, weißgrau, milchweiß – egal. Ich platziere mich vor dem Bullauge und schaue der Wäsche beim Durchwaschen zu. Langsam döse ich weg und träume vom Weißen Riesen, der mir erklärt, dass es morgen noch weißer geht.







