Weihnachtsbaum

Alle Jahre wieder

Es ist wieder soweit: Der Dezember erreicht bedrohlich den 24. Tag, und das Fest der Lieben soll stattfinden. Wie in jedem Jahr schicke ich ein männliches, sachkundiges Wesen aus der Familie in den größten Tannenwald der Umgebung, um einen Baum zu schlagen. Ein typischer Weihnachtsbrauch, ich steh` eben auf Tradition. Und da meine kleine Familie nur ein männliches Teil hergibt, bekommt prompt mein Enkel Martin die Säge in die Hand und den Auftrag, einen schönen, rundum gewachsenen Tannenbaum zu erbeuten.

Wie in jedem Jahr stellt sich die gleiche Frage: Tanne, Fichte, Eibe, Kiefer… oder vielleicht gleich eine Palme? Mein Gott, ein Tannenbaum, Martin! Ein einfacher, grüner, gerader Baum – so wie ihn jedes Jahr 27 Millionen Menschen in Deutschland aufstellen.

Ich weiß schon, dass er wieder mit einer typischen norddeutschen Krüppelfichte heimkommt. Letztes Jahr zum Beispiel hatte unsere Nordmanntanne vor dem Fest eine Diätkur durchgemacht: Unterbau und Extremitäten zeigten eine magere, krumme Gestalt. Um den Baum über die Feiertage zu retten, befestigte ich locker einige Zweige mit Draht am Hauptstamm und zog ihn hinten am Schrank, sprich an der Schublade, fest. Wer aus Versehen diese „Stütze“ löste, ließ den Baum gefährlich nach vorne kippen – leichte Fallneigung nach links. Seitdem geht niemand mehr an diese Schublade bis zum 6. Januar.

Krüppelfichte

Martin zeigt zur Endkontrolle einen Baum in staatlicher Höhe vor, mit einem kleinen Zettel an der Spitze: eine Aufstellanweisung. Seit wann haben hiesige Tannen Gebrauchsanweisungen? Mir ist das noch nie aufgefallen, aber beim nächsten Waldspaziergang werde ich genau hinschauen.

  1. Verpackungsnetz nach unten öffnen, sonst fallen alle Nadeln ab.
  2. Konifere kühl lagern. (Ab heute feiern wir den Heiligen Abend auf dem Balkon.)
  3. Tannenbaum regelmäßig gießen oder gleich in einen Wassereimer stellen.
  4. Tannenbaum mit der Spitze nach oben in den passenden Halter stellen.

„Wie soll ich nun den Baum in eine senkrechte Position arretieren?“ fragt Martin, mit in die Hüften gestemmten Händen, die Krummfichte in der Tür balancierend. Mein Gott, wo hat das arme Kind solche Ausdrücke her? Gibt es an dieser krummen Fichte überhaupt etwas zu arretieren?

Christbaumständer

Aus dem Keller ruft er: „Wo ist der Christbaumständer schon wieder?“

Was heißt schon wieder? Dort, wo er hingehört: auseinandergebaut. Die Metallvorrichtung liegt im Werkzeugkasten, der runde Topf dient seit Januar meinen Zierpflanzen als Heimstätte.

Kurzerhand fülle ich meinen Wischeimer mit Gartenerde und arretiere den Baum mit einem kräftigen „Hurra“ in der Mitte – passt doch!

Dann die Frage nach dem Baumschmuck. Ach Gott, womit tarnen wir in diesem Jahr den grünen Baum? Welche Farbe dürfen die Glaselemente haben, welche Form? Weihnachtsgurken oder kugelrund, Siebdruck oder beleuchtete Dekokugeln? Das Lametta muss auch noch gebügelt werden.

Ungefähr zwei Stunden vor der Bescherung ist, wie jedes Jahr, die Lichterkette defekt. Nun hilft nur noch die Weihnachtsbaumbeleuchtung mit offener Flammenwirkung, also Omas Kerzen aus dem Keller. Diese werden, passend zum krummen Stamm, an die dürftige Bezweigung dekoriert.

Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, du bist so krumm, man glaubt es kaum.

„Ich hätte wohl immer etwas zu bemerken“, stellt Martin fest. „Im nächsten Jahr kannst du selbst durch die hiesigen Nadelbäume krabbeln und ein passendes Objekt aussuchen.“
Und wer soll dann, bitte schön, den nackten Vogel – sprich den Gänsebraten – zubereiten?

Lenchens Satiren“ bei Amazon – als Buch oder eBook. Alltag, Nachbarschaften, kleine Dramen – zum Schmunzeln und Lachen

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert