|

Hobby Horsing

Wenn Lenchen den Gaul sattelt

Neues Jahr, neues Glück, neue Vorsätze! Im Fernsehen sagten sie neulich, man müsse seine Pläne für 2026 erst einmal ordentlich ventilieren. Klingt hochtrabend, heißt aber eigentlich nur: Man wirbelt so lange frischen Wind auf, bis der Verstand freiwillig das Feld räumt. In diesem Jahr mache ich ernst. Ich werde sportlich – und zwar nicht allein. Ja, lacht nur!

Sport gelingt am besten in kleinen Schritten. Und mit einem Partner. Mein neuer Mitsportler ist ein Holzpferd ohne Beine. Richtig gelesen: Ich mache jetzt „Hobby Horsing“. Dieser Trend ist gerade aus Skandinavien (oder wie hieß das Taka-Tuka-Land?) zu uns rüber geschwappt. Man klemmt sich einen Stecken mit Plüschkopf zwischen die Schenkel und tut so, als ob.

Spring-Schrubber

Bevor ihr „irre“ ruft: Das ist eine ernstzunehmende Sportart mit Gymnastikelementen. Es gibt sogar feine Unterschiede bei den Sportgeräten. Ein Springsteckenpferd muss kleiner und leichter sein – quasi der Sportwagen unter den Holzpferden. Mein „Fiete“ hingegen war eher Modell „rustikaler Geländewagen“. Er war früher mal ein Schrubber, aber ich habe ihm eine alte Socke über den Stiel gezogen. Die Farbe war eine gewagte Mischung aus Schweinchenrosa und Puddingbeige – das war mal eine Strumpfhose von Tante Erna aus den 70ern.

Doch der soziale Druck in der Nachbarschaft wurde wohl zu groß. Ich vermute ja reines Mitleid (oder sie wollten den Anblick meiner schweinchenrosa Socke am Schrubberstiel einfach nicht mehr sehen), jedenfalls haben die Nachbarn zusammengelegt. Sie haben mir ein echtes Profi-Hobby-Horse geschenkt. Ein Prachtexemplar mit Mähne und echtem Blick. Fiete, der Socken-Schrubber, wurde feierlich in den Ruhestand versetzt und darf jetzt wieder im Hausflur für Sauberkeit sorgen.

Das Fischbeinkorsett: Aerodynamik im Alter

Um die Sache präzise anzugehen, habe ich auch meine Garderobe angepasst. Diese modernen Sport-Leggings kneifen ja überall und zeigen Dinge, die ich selbst seit 1984 nicht mehr gesehen habe. Ich trage stattdessen mein altes Fischbeinkorsett. Das sorgt für eine kerzengerade Haltung im Sattel (also auf dem Stecken) und verhindert gleichzeitig, dass man sich beim Aufwärmen zu sehr dehnen kann. Praktisch, oder? Dehnen wird sowieso völlig überbewertet. Wenn es im Gebälk knackt, weiß ich wenigstens, dass ich noch lebe.

Hürdenspringen über Ernst-August

Mein konkretes Ziel laut Ratgeber: „Zweimal pro Woche 30 Minuten reiten gehen, auch im hohen Alter machbar.“ Die Realität im Park hinterm Seniorenheim sieht so aus: Ich galoppiere im Seitwärtsgang los, bis mein sozialer Status im Ort endgültig auf „Exzentrikerin mit Sockentier“ umschlägt. Früher war ich nur „die mit der großen Klappe“, heute bin ich eine Gefahr für den öffentlichen Nahverkehr. Besonders kritisch wird es, wenn Mitreiter Ernst-August mir mit seinem Rollator den Weg abschneidet. Das nenne ich dann „parcoursnahes Hürdenspringen“.

Ich habe auch schon versucht, die Grünfläche hinter der Bushaltestelle für meine Dressur-Übungen zu annektieren. Das gab Ärger mit dem Gärtner. Der Mann hat einfach keinen Sinn für absurde Ästhetik.

Ungefiltert, echt und pferdeapfelfrei

Natürlich hat dieser Sport enorme Vorteile. Es beugt Demenz vor, weil man sich während des Galopps ständig konzentriert fragen muss: „Warum zum Kuckuck mache ich diesen Quark eigentlich?“ Es stärkt zudem die Beinmuskulatur. Wenn ich zum Sprung über eine weggeworfene Bierdose ansetze, habe ich das Gefühl, die gesamte Europäische Kontinentalplatte bebt unter den imaginären Hufen.

Und das Beste: Diese Sportart ist sauber! Keine Pferdeäpfel weit und breit. Wenn mal was fallen gelassen wird, sind es höchstens ein paar Wollmäuse aus der Socke (vorausgesetzt, Fiete darf doch mal wieder mitmachen). Ich kann euch sagen: Dieses Hobby Horsing ist ungefiltert und echt authentisch. Es ist der ehrlichste Sport der Welt, weil jeder sofort sieht, dass man ordentlich einen an der Waffel hat. Und genau das ist die schönste Form von Freiheit.

In diesem Sinne: Hü-hott! Ich muss los. Freundin Helga wartet schon. Sie will heute mit ihrem Gehstock-Pferdchen gegen mich antreten. Das wird ein Gemetzel!

Hol dir die Küste nach Hause – abonniere meine Geschichten.

Ja, ich will mehr Satire:

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert