Winter an der Küste

Sturm „Elli“ und Schnee

Die Medien hyperventilieren mal wieder im roten Bereich. Ich höre Vokabeln wie „Bombenzyklon“ und „Schneemassaker“ und frage mich panisch, ob draußen gerade die Zivilisation kollabiert. Ein vorsichtiger Blick aus dem Fenster informiert mich: Ach so, es schneit und windet. Früher nannte man das Winter, heute klingt der Wetterbericht nach einer Live-Schaltung aus dem Schützengraben. Ob solche Kriegsmetaphern in unseren unruhigen Zeiten angebracht sind? Ich bezweifle es.

Aber wer benötigt schon Weltnachrichten, wenn der eigene Körper die einzige Schlagzeile schreibt? Die Diagnose lautet: akutes Suppenkoma, verursacht durch die hemmungslosen Fressgelage der Festtage.

Lifestyle-Leiden und die Methan-Bilanz

Gerade jetzt, wenn es draußen ungemütlich ist, kann man sich wunderbar mit sich selbst beschäftigen. Man nennt es heute „Detox“ – früher war es schlicht die „Hungerkur“. Alles, was fettig und lecker ist, wird aus dem Kühlschrank verbannt. Statt Milchreis und Pommes rot-weiß regiert nun die bittere Kräuterjauche.

Man hockt in der Wohnung, versucht im Designer-Bademantel eine gute Figur zu machen und spürt „achtsam“ in sich hinein. Das Ganze nennt sich Fasten, wird in der Realität aber meist von heftigen Flatulenzen begleitet. Ganz ehrlich: Bei dem Methanausstoß in der stickigen Bude ist die Klimabilanz dieser Kur eine Katastrophe für alle nachfolgenden Generationen. Greta wäre not amused.

Die Rentner-Invasion auf der Spiegelglätte

Und dann passiert es: Der Wetterfrosch im Fernsehen bekommt Schnappatmung. Er fleht und bettelt, dass „besonders ältere Mitbürger wegen extremer Glätte und Lebensgefahr“ heute dringend im Haus bleiben sollen. Ein normaler Mensch würde sich jetzt eine Decke nehmen. Aber nicht  die Generation Boomer.

Trotz Sturmwarnung hält  auch mich nichts drinnen. Lenchen (also ich) kämpft sich in rutschfesten Stiefeln, dem dicken Daunenbauschmantel und einer kühnen Strickkonstruktion auf dem Kopf nach draußen. Vorsichtig? Von wegen. Es ist nicht einfach nur glatt, es ist eine spiegelglatte Todesfalle, eine einzige schimmernde Rutschbahn des Wahnsinns.

Aber ich muss heute los. Wer will schon warten, bis das Wetter besser wird? Ich sicher nicht. Ich gehöre zu jener Spezies Rentnerinnen, die für nichts mehr Zeit haben, und prinzipiell keine Sekunde abwarten können. Es treibt uns raus – – dieser herrliche, unbezwingbare Alterssturheit, gepaart mit dem Alibi, dass „Sauerstoff ja so gesund“ sei. Selbst wenn man ihn sich bei Windstärke 10 mühsam aus der Luft klauben muss.

Der Supermarkt: Vorhof zur Hölle

Der Supermarkt ist brechend voll. Scheinbar leidet die gesamte Senioren-Brigade der Stadt unter dem Suppenkoma und ignoriert kollektiv die Wetterwarnungen. Da werden Einkaufswagen als Stoßwaffen gegen Mitbewerber eingesetzt, um die letzten Tütensuppen und Klopapierrollen zu sichern, als stünde die nächste Eiszeit unmittelbar bevor. Wir rutschen und schlingern über den Parkplatz, als gäbe es einen Preis für das riskanteste Hüftgelenks-Manöver des Jahres.

Colon-Hydro-Therapie

Endlich wieder sicher am heimischen Herd angekommen, geht es ans Eingemachte: der Darm-TÜV. Bevor wieder etwas Gesundes in die Darmverschlingungen darf, wird Tabula rasa gemacht. Colon-Hydro-Therapie für Unerschrockene. Drücken war gestern, heute wird gespült. Dünne Brühe mit Glaubersalz, bis die letzte Sünde der Festtage restlos weggebeamt ist. Man wird gereinigt wie ein alter Kaminofen. Schlacken und Ablagerungen lösen sich auf Nimmerwiedersehen auf.

Nach zwei bis drei Tagen – sofern man es mit den Herztabletten so lange ohne feste Nahrung aushält – knabbert Lenchen das erste Hälmchen Petersilie. Kleiner Tipp: Schauen Sie die künstlichen Blumen der Nachbarin nicht zu gierig an. Der Übergang von Hunger zu Botanik-Vandalismus ist fließend.

Nordic Walking: Die Rollator-Rallye

Sobald das Schlimmste im Bad überstanden ist und das Schneechaos draußen nur noch eine mittelschwere Katastrophe darstellt, folgt die körperliche Ertüchtigung: Nordic Walking. In unserem Alter bedeutet das Rollator-Rallye. Stampfen, stampfen, klackern, immer weiter durch den Schneematsch. Mit rotem Kopf und völlig durchgeschwitzt möchte man am liebsten die 110 wählen.

Aber Fitness im Alter ist ein hohes Gut – vor allem, wenn man unbedingt bei diesem „weißen Zeug“ vor die Tür muss, während der Rest der Welt vernünftigerweise drinnen bleibt.

Bis zum nächsten Jahr, wenn die Gummibundhose wieder zwickt und der Altersstarrsinn uns erneut genau dann zum Einkaufen treibt, wenn die Wetterfrösche im Fernsehen vor Schreck die Krise bekommen.

Lustig, oder? Na ja, zumindest von innen nach außen betrachtet.

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