Frühlingserwachen
Winter-Altlasten
Eigentlich fängt das Frühjahr ganz idyllisch an. Die Vögel zwitschern, die ersten Krokusse schieben sich mutig durch den Boden, und ich, Lenchen, versuche mich ebenso mutig in das gute, geblümte Sonntagskleid vom letzten Jahr zu schieben. Ein fataler Fehler. Der Reißverschluss am Rücken führt ein Eigenleben und weigert sich beharrlich, die Winter-Altlasten zu umschließen. Wenn ich da an die letzte Grünkohltour denke … puh.
Also ziehe ich die Reißleine: Disziplin ist das Gebot der Stunde. Ich nenne es meine „Geht-gerade-noch-so-Figur“-Rettungsmission. Im Supermarkt sprinte ich mit meiner altertümlichen Brille auf der Nase am Süßwarenregal vorbei. Die bunten Tüten erkenne ich erst, wenn ich fast dran vorbeigeschlichen bin. Leckere Schokolade? Bloß nicht. Besteht eh nur aus Zucker und Reue. Und diese herrlich weichen Schaumküsse, die so schön auf der Zunge zergehen? Ganz gefährlich. Ich bleibe hart. „Lenchen“, sage ich zu mir selbst, während ich heroisch ein paar Bananen in meinen Korb packe, „du musst dem Genuss entsagen. Wer schön sein will, muss leiden – besonders, wenn man so wie ich ein stolzer 1950er-Jahrgang ist.“
Schokolade und Kekse
Doch die Quittung kommt abends auf dem Schaukelstuhl. Die Motivation hat sich schon lange in den Feierabend verabschiedet, und da klopft sie an: die Gier. Mein Körper schaltet auf Autopilot und schickt mich auf eine archäologische Ausgrabungstour durch die Küchenschränke. Irgendwo muss doch noch ein vergessener Keks oder ein Krümel Weihnachtsmarzipan zu finden sein. Doch ich finde nichts, ziehe enttäuscht ab und starre auf das Obst. Ich nehme die Banane. Die ist wenigstens weich, schmeckt aber eben nur nach Verzicht und gesunder Vernunft.
Und was sagt die Wissenschaft dazu? Ich habe da neulich in der „Rentner-Bravo“ aus der Apotheke was gelesen: Ein forscher Herr Wang aus New York hat festgestellt: Wer täglich Frühlingsrollen und Algen isst, hat im Gehirn gar keinen Platz für Schokopudding-Fantasien. Er hat Testpersonen Bilder von Süßigkeiten gezeigt und sie sollten ihre Gier einfach „ausschalten“. Und tatsächlich: Bei den Herren der Schöpfung hat es im Hippocampus einfach „Klick“ gemacht. Das Verlangen war weg. Abgeschaltet. Einfach so.
Nervennahrung
Und bei uns Frauen? Totale Fehlanzeige. Unser „Nein“ kommt da oben anscheinend gar nicht erst an. Herr Wang rätselt noch, warum das so ist, obwohl wir angeblich mehr Gehirn haben. Ich könnte es ihm erklären: Wir Frauen brauchen den Zucker für unser Arbeitsgedächtnis. Wir denken den ganzen Tag an den Garten, den Haushalt, die Enkel und was morgen auf den Tisch kommt. Wenn der Motor ständig auf Hochtouren läuft, benötigt er eben ordentlichen Kraftstoff – und das ist bei uns nun mal keine Banane, sondern Nervennahrung aus Kakaobohnen.
Also, liebe Leserinnen und Leser, wenn das Frühjahr euch wieder mit guten Vorsätzen quält, denkt an Lenchen. Wissenschaft hin oder her: Ein glückliches Lenchen mit Schokoschnute ist mir tausendmal wichtiger als ein braver, aber hungriger Hippocampus.







