🐜 Ameisen beim Augenarzt

Grauer Star

Als vernünftiges und gesundheitsbewusstes Lenchen marschiere ich halbjährlich zum Augentüv. Man weiß ja nie, ob der graue Vogel – auch „Star“ genannt – schon heimlich eingeflogen ist und sich in der Linse ein kleines Wochenendhäuschen gebaut hat.

Der Piepsi singt nicht, er zwitschert nicht – er sitzt stumm in der Linse und macht das Leben milchig wie ein schlecht gespültes Marmeladenglas.

Augenarzt

Also Termin gemacht. Ging fix. Moderne ältere Menschen machen das heute online, da die Tasten auf dem Sabbelkasten so klein sind, dass man sie nur noch mit Glück, Spucke und einem Stoßgebet trifft. Aber siehe da: sofort Termin. Rein in die Praxis, Karte durchgezogen, vorbei am Wartezimmer und direkt zum Doc. So dringend war es bei mir nicht. Vielleicht eher bei ihm – wahrscheinlich kann er die vielen Patienten nicht mehr sehen.

„Augendruck sehr gut“, sagt er. Ich nicke, als hätte ich persönlich mit dem Drehmomentschlüssel nachjustiert.

Es folgte das berühmte Augen‑Akrobatikprogramm mit Buchstaben‑ und Zahlensalat auf fünf Meter Entfernung. Die großen Lettern – zehn Zentimeter hoch – habe ich locker erkannt.

A, P, R, S… 5, 9, 8, 3. Ich war kurz davor, laut „Bingo!“ zu rufen.

Doch der Doc hatte offenbar einen schlechten Tag und drückte genervt auf den Ameisenknopf. Mikrobuchstaben, die über die weiße Tafel wimmelten wie ein Ameisenhaufen im Hochsommer. Vorbei mit Lenchens Sehfähigkeit.

Sehschwäche

Sehschwäche? Ach was. Ich pflege seit Kindesbeinen das Maulwurfs‑Syndrom und trage die Erfindung der Optik in allen Lebenslagen.

Reaktion auf hell und dunkel? Er fragt, ich antworte: „Hell ist, wenn die Sonne aufgeht. Dunkel ist, wenn der Mond scheint.“ So einfach kann Medizin sein.

Und der graue Vogel? Hat sich nur leicht eingenistet. Ein bisschen Flaum im Nest, mehr nicht. Ich hab noch Jahre Zeit, bis die Messer blitzen und der Linsenbauer fürs Auge kommt. Der saugt den alten Nebel raus und setzt eine neue Scheibe ein – wie Lenchen beim Fensterputzen, nur mit mehr Hygiene.

Bis dahin gehe ich weiter brav zum Augentüv. Man will ja nicht, dass die Ameisen irgendwann das ganze Auge übernehmen.

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