Der Frühling webt ein seidenes Band

Frühlingsbepflanzung

Eigentlich zähle ich mich zu der Gruppierung „sehr nette ältere“ Dame. Ich ruhe in mir, besitze die Gelassenheit einer tibetischen Bergziege und laute Geräusche aus meinem Mund liegen mir fern.

Eigentlich….

Nun, wo der Frühling eingekehrt ist, möchte ich es meinen Nachbarn gleichtun und meine Terrasse mit Hornveilchen verzieren, die schon, ehrlich gesagt, einige Zeit stiefmütterlich in der Ecke stehen.

Die Sonne strahlt fröhlich und wärmend auf unsere Welt, lockt mich, perfekt in bunten Farben bekleidet auf die Terrasse. Ich freu mich schon…. öffne die Tür, trete einen Schritt nach vorn und … stoße ich einen Schrei aus.

Ihhhhh … die Feuersirene im Ort ist ein Witz dagegen. Der Kasten mit den Frühlingsblumen samt Mutterboden knallt auf die Fliesen. Wild schlage ich um mich, fahre mir mit den Fingern durchs Gesicht, zerwühle meine Alltagsfrisur und führe wilde Ausdruckstänze vor.

Ih, Ih äääääääääää.

Nein, hier wird kein typischer Derwischtanz vor der Bepflanzung aufgeführt, sondern ich bin schnurstracks in ein frischgewebtes Frühlingsspinnennetz gelaufen.

Nun kommt die folgenschwere Frage:

Wo lauert Mutter Spinne?

Die Vorstellung, dass diese an mir herumkrabbelt oder sich blitzschnell in meinem Halskragen abseilt, mich mit klebrigen Fäden verziert, lässt mich fortwährend schreiend ins Haus flüchten.

Nun folgt ganz akkurat, die Körperpflege. Im Badezimmer fliegen, ja, so kann man es nennen, die Bekleidungsstücke sofort in die Waschmaschine. Der, mit einer Gänsehaut überzogene Körper, wird bis in die kleinsten Falten peinlich genau untersucht, die Haare mindestens hundertmal durchgekämmt.

Anschließend folgt eine heiße Dusche bei ungefähr 40 Grad.

Wochen später werde ich meinen Freundinnen noch erzählen, die Spinne war mindestens so groß wie ein Hühnerei, hatte haarige Fangarme, und hatte es nur auf mich abgesehen.

Jedes Ding hat bekanntlich zwei Seiten. Betrachten wir die Szene aus der Perspektive der Spinne.

Ebenfalls eine freundliche Dame im mittleren Alter. Hervorgelockt durch fröhliche, warme Sonnenstrahlen, baute sie ein wunderschönes, radförmiges perfektes Seidennetz auf meiner Terrasse. Nun saß sie mittendrin, besserte hier und da noch mit Spinnfäden aus und bewunderte das in der Sonne glitzernde Fangnetz.

Plötzlich … ein Erdbeben, ein Orkan und fürchterliche Schreie einer wild um sich schlagenden Beute.

Heiliges Chitin. Ich habe zum ersten Mal in der Evolutionsgeschichte ein Walross im bunten Gewand gefangen.

Todesmutig seilte sie sich ab und krallte sich auf das hüpfende Opfer.

Sollte sie diese Beute einspinnen? Hatte sie genug Seide im Vorrat?

Schon jetzt hatte sie Schwierigkeiten sich festzuklammern, kam sich vor wie ein Hochseeangler bei Orkanstärke 10.

Das Walross zog sich zeternd zurück. In letzter Sekunde gelang es Frau Spinne abzuspringen und sich im Blumentopf zu retten.

Sind Spinnen nicht erstaunliche Geschöpfe? Es gibt sie gewiss schon Millionen von Jahren auf unserem Erdball. Friedlich fangen sie lästige Insekten, die unser Hab und Gut vernichten. Wie im Spiel weben sie kunstvolle Schleier.

Arachniden

Warum stellen wir Menschenkinder uns eigentlich so an, fängt uns mal eine Arachnide ein. Schreit diese wie eine Kreissäge oder ist es ein Exemplar, das einfach nur ein Abendteuer sucht?

In diesem Sinne wird sich die Spinnendame gewiss ein neues sonniges Plätzchen suchen, die Lage genau überprüfen und ein wunderschönes, in der Frühlingssonne glänzendes Netz, weben.

Aber muss es immer auf meiner Terrasse sein, ich glaube ich spinne!

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