Barfuß bis zum Horizont

Raus aus der Enge, rein in den Wind

Es gibt Tage, da passe ich einfach nicht mehr zwischen meine vier Wände. Die Räume werden enger – nicht wegen der Möbel, sondern weil die Luft einfach beleidigt ist. Wenn dieses Gefühl anklopft, gibt es kein Halten mehr. Da zieht es mich nach draußen. Ich lasse den Schlüssel im Schloss knacken und gehe los – raus aus der Bude, rein in den Wind.

Der Weg führt schnurstracks Richtung Deich. Oben angekommen, gibt es erst mal eine ordentliche Ladung Wind um die Ohren – eine stürmische Umarmung, die den Kopf innerhalb von Sekunden freipustet. Die Brise zaust im Haar, liebkost die Wangen und bringt diesen salzigen Hauch mit sich, der sofort nach Sommer schmeckt. Vor mir breitet sich der Strand aus, ein Teppich aus gleißendem Licht, und dahinter die Nordsee, die heute weiße Schaumkronen trägt. Am Horizont ziehen Schiffe vorbei – von Geisterhänden über das Wasser geschoben.

Die Deichkante ist nur das Vorzimmer. Das wahre Glück wartet tiefer, dort, wo das Land den Halt verliert und in den weichen Sand übergeht. Ein Handgriff, die Schnürsenkel fliegen auf – erstaunlich, wie schnell ich Schuhe ausziehen kann, wenn das Meer ruft. Beim Arzt kriege ich sie nie so flott auf. Barfuß beginnt die Freiheit.

Die Freiheit beginnt an den Fußsohlen

Sobald die Fußsohlen die Natur berühren, wacht der ganze Körper auf. Der Sand ist warm, feinkörnig und voller Energie. Er presst sich weich, wie ein Willkommensgruß, zwischen die Zehen. Ohne die dicke Gummisohle unter den Füßen spüre ich jeden Zentimeter Sand. Barfuß läuft es sich anders: kürzer, spielerischer. Vielleicht laufen wir deshalb barfuß – weil Schuhe zu viel dazwischenreden. Ich schiebe den Sand mit den Füßen vor mich her, mache Minisprünge über Muscheln und laufe, als hätte ich heute die Beine von früher an.

Barfuß hat einen eigenen Gang – irgendwo zwischen Kindheit und „Ich kann das noch“.

Ich lasse mich auf den warmen Strand fallen. Kaum sitze ich, graben sich meine Zehen ein. Darauf haben sie den ganzen Winter gewartet, die kleinen Unruhestifter. Der Sand schmirgelt über die Haut – kostenlose Fußpflege, sagt der Strand. Das Wasser schiebt sich sacht heran, umspült die Knöchel und sagt den Füßen einmal kurz Moin. Ein Blick zurück zeigt meine Spur im nassen Sand –flüchtige Zeichen, die die nächste Welle sofort glattzieht.

Über mir hängen die Möwen in der Luft, stoßen ihre schrillen Rufe aus und stürzen sich im nächsten Augenblick kopfüber in die Wellen. Sogar das Gras im Vorland sieht besonders aus – zerzaust und vom ewigen Wind glattgekämmt, wie mein Lieblingspulli, der schon ein paar Sommer tapfer durchgehalten hat.

Moin von der Nordsee und dem grauen Himmel

Typisch norddeutsch: Kaum sitzt man gemütlich, macht der Himmel dicht. Erste schwere Tropfen fallen aus dem Grau und setzen dunkle Punkte in den Sand. Ich stehe auf, schlage den Kragen hoch und stapfe los – barfuß natürlich. Schuhe anziehen wäre jetzt Feigheit. Das Wasser gluckst hinter mir her, und der Wind wird ganz zahm, als wolle er sagen: „Nun komm, Mädel, ich bring dich heim.“

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