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Das große Verschwinden

Passiert Ihnen das auch manchmal? Eben noch halten Sie das Rezept vom Hausarzt Ihres Vertrauens in der Hand. Sie machen sich startklar für den Weg zur Apotheke, Helm auf, Fahrrad raus – und dann: Weg. Das Rezept ist weg. Nicht verlegt. Nicht runtergefallen. Einfach verdunstet, wie ein guter Vorsatz nach Silvester.

Neulich verschwand die Urlaubspostkarte meines Sohnes. Und die Rechnung vom Schornsteinfeger. Und der Zettel vom Paketboten. Alles futsch. Ich vermutete bereits ein lokales Bermuda-Dreieck hinterm Sofa.

Bis ich die Wahrheit fand. Die ist peinlich einfach: Ich lese. Ich lese so intensiv, dass jedes geeignete Objekt in meiner Greifweite zum Lesezeichen mutiert. Telefon klingelt – zack, Rezept rein ins Buch. Türklingel – Postkarte hinein. Staubsaugervertreter – Rechnung als Barriere zwischen die Seiten. Danach wandert der Wälzer zurück ins Regal und mit ihm die Dokumente für die nächsten drei Jahre ins Exil.

Familienarchiv

Papiere verschwinden, wie die zweite Socke nach dem Schleudergang: spurlos, rätselhaft, endgültig. Ich kann nichts dafür, ehrlich. Es liegt in der Familie. Genetische Disposition, sage ich nur. Meine Mutter beherrschte die Kunst, wichtige Papiere in Büchern zu versenken, wie Kapitäne ihre Frachter im Marianengraben. Faszinierend. Kürzlich brachte ein literarisches Erbstück ihren Impfausweis von 1948 zu Tage. Als wäre das völlig normal im Jahr 2026 wieder aufzutauchen.

Unerwartet zeigte sich ein Strafzettel meines Vaters über fünf Mark. Er musste in den 50er Jahren mal angesäuselt eine Nacht in der Zelle beim Dorfpolizisten verbringen. Die Quittung lag Jahrzehnte später in einem Roman über die Französische Revolution. Symbolisch, oder?

Theaterkarten versanken bei meiner Mutter im Nirgendwo. Wochenlang suchte sie die Theaterkarten für eine Opernpremiere. Als die Vorstellung längst Geschichte war, kamen sie wieder zum Vorschein – eingeklemmt in einem Kochbuch zwischen Kalbsbraten und Schokopudding.

Fundstücke

Tief im Dickicht zwischen Dostojewski und seinen „Brüdern Karamasow“ schlummert bei mir noch ein echter Rubelschein. Ein Überbleibsel aus einem längst vergangenen Urlaub, das ich damals als Notgroschen für schlechte Zeiten deponierte. Je nach aktuellem Kurs reicht sein Wert heute vermutlich exakt für eine einzige russische Salzgurke, vorausgesetzt, ich finde ihn wieder, bevor die Währung endgültig zur historischen Fußnote erstarrt.

Sollten meine Kinder irgendwann mein Erbe sichten und meine Bibliothek durchforsten, werden sie mich für eine ehemalige Museumsleiterin halten, die den Alltag zwischen Buchdeckeln für die Nachwelt konserviert. Offenbar bin ich mit dieser Leidenschaft für zweckentfremdete Lesezeichen nicht allein, denn das Schicksal spülte mir neulich einen Beweis aus einer ganz anderen Epoche in die Hände. In einem antiquarischen Buch fiel mir eine Postkarte von 1908 entgegen. In Kurrentschrift. Ja, das entziffere ich noch mühelos. Ein Privileg der frühen Geburt.

Ein gewisser Regierungsbeamter Liebig entschuldigt sich auf der Karte formvollendet bei einem Herrn Berg für sein Fernbleiben an der wichtigen Veranstaltung. So höflich, so korrekt, dass mich wehmütige Nostalgie packte. Kein Vergleich zum heutigen „Kann nicht“-Gekritzel bei WhatsApp.

Ich gehe jetzt mein Rezept suchen. Vermutlich kuriert es gerade in einem Lexikon meinen Wissensdurst.

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